Mahnwache vor Tihange

27. April 2021 | Veröffentlicht von Martina Haase

zum 35. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl

In Huy fand auf dem Grand Place am Sonntag eine Mahnwache mit etwa 40 TeilnehmerInnen statt.
Der ursprünglich geplante Demozug zum AKW Tihange war von den lokalen Behörden verboten worden – genau wie jegliches „Lärm machen“!
„Mühsam ertrotzt“ (was auch so sarkastisch gemeint ist) wurde dann lediglich eine Lesung aus dem Buch von Svetlana Alexiejewitsch über die Zeit direkt nach der Katastrophe in der Ukraine.

Ihr Mann war damals dort „Liquidator“ , half also noch Schlimmeres zu verhindern und bezahlte das – wie so viele – mit seinem Leben: Er starb 40 Tage später, und sie durfte nicht zu ihm, um sich nicht auch zu verstrahlen.

Aus Aachen war eine kleine Delegation vom ‚Aktionsbündnis gegen Atomenergie‘ angereist, um Solidarität zu zeigen.

Eine Lesung

Drei Frauen einer Kulturgruppe aus Verviers lasen sehr eindrucksvoll die Einleitung dieses Buches.
Zu solchen Lesungen am Jahrestag hatte die Autorin Frauen weltweit aufgerufen. In Belgien fanden drei Lesungen statt.
Übrigens gibt es dieses Buch in der WDR-Mediathek als Hörspiel:

Am Kundgebungsplatz kamen auch mehrfach PassantInnen vorbei und hörten den Ansprachen interessiert zu.

Lärmende Motorräder

Empörend war jedoch, dass es während der Lesung störenden Lärm durch Motorradfahrer gab, die immer wieder nah an den Kundgebungsplatz heranfuhren und ihre Riesenstinkekisten rattern ließen. Hierzu eine Teilnehmerin: „Es ist schon bitter, dass unsere Lesung solch strikten Auflagen bekommt, während die mit ihren Boliden keine Restriktionen für ihren sinnlosen Lärm bekommen.

Trotzdem: „La lutte continue, der Kampf geht weiter, de strijd gaat verder“.

——–

Ein Gedicht als Nachtrag

Von Frau Ute Sergis, einer heute 81-jährigen Dame  aus einem Aachener Seniorenheim bekamen wir folgendes Gedicht, dass sie im Mai 1986 in Wien lebend dort geschrieben hat:

Tschernobyl-Gedanken

Seit jenem Vorfall im April
kennt ganz Europa Tschernobyl
Wie harmlos man’s auch drehen mag,
verseucht ist vieles seit diesem Tag.
Vorsicht bei Kräutern, Obst, Salat,
Gemüse, Eiern, Fleisch Spinat ….
Sei Feld Wiese oder See,
sei’s Spielplatz, Park oder Allee,
ob ungebor’n, ob jung ob alt –
nirgends macht das Übel Halt.

Man sorgt sich viel
seit Tschernobyl ….

Machthunger, Ungeduld und Gier –
liegt nicht des Übels Wurzel hier?
Manch „Hohe Tiere“, Exzellenzen
sind zweifelhafte Existenzen.
Es scheint, das Volk wird umgebracht
mit der von ihm erhalt’nen Macht.
Wie oft zweifelt man dich schockiert,
ob nun nicht Dummheit da regiert.
Unsre Zeit braucht eine Wende,
sonst nähern wir uns rasch dem Ende.

Man denkt sich viel
seit Tschernobyl ….

Wie wenig Menschen sind bereit
zu Güte, Verstehen, Menschlichkeit!
Ist nicht ganz still und heimlich leise
ein jeder Mensch auf seine Weise
Ein Kernreaktor in Person?
(nicht gänzlich zwar, doch etwas schon!)
Wenn jeder nun sein Herz sich nähme
und zu der Überzeugung käme,
daß sich nur etwas ändern kann,
fängt man auch bei sich selber an.

Ob Tschernobyl
das von uns will?

Im Grunde glaubte niemand dran,
daß doch etwas passieren kann.
Nun ist’s gescheh’n – die Konsequenzen:
viele Verharmlosungstendenzen!
Doch gibt’s auch Wind und Meereswellen,
Kompost, Blitz, Sonne, Wasserquellen ….
Sie alle bergen Energie
Zu forschen ist: wie nutzt man sie?
Die Kraft im Kern der Menschen ruht;
reagiert er menschlich, so wird’s gut.

Man hofft so viel
seit Tschernobyl ….

 

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