Diagnose Rinderherpes

22. Februar 2020 | Veröffentlicht von Katrin Wolfahrth

Das ökonomische Todesurteil für den Exportstempel

Sie haben schon davon gehört, dass wir in NRW angeblich ein ganz großes Problem mit einer altbekannten Rinderkrankeit haben ? Ja, die Diagnose „Rinderherpes“ ist tödlich.
==> Fragt sich nur: FÜR WEN und WIESO?

Rinderherpes (BHV1)

zählt zu den anzeigepflichtigen Tierseuchen und wird in Deutschland nach der „Verordnung zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem Bovinen Herpesvirus Infektion Typ 1 (BHV1 VO)“ bekämpft.
Die Behörden nennen die Bekämpfung „Sanierungsprogramm“, was nichts anderes bedeutet, dass „zu sanierende“ Tierbestände ohne Wenn und Aber getötet werden.

Der BHV1 Status hat erhebliche Konsequenzen auf die Vermarktung der Rinder

Tiere, bei denen Rinderherpes- Antikörper im Blut festgestellt werden (BHV1-positive) erzielen geringere Preise bei nationalen und internationalen Auktionen und Tierschauen, denn hier wird die BHV1 -Freiheit vorausgesetzt.
BHV1-freie Länder haben erhebliche Handelsvorteile bei der internationalen Vermarktung, insbesondere beim Export in Drittländer, in denen der Milch-und Fleischbedarf immer größer wird. Aus diesem Grund ist die Erlangung des Status „BHV1-frei“ nach Artikel 10 der EU-Richtlinie 64/432/EWG und die Nutzung der damit verbundenen Handelsvorteile für Deutschland ein hohes Ziel.
Der Regierungsbezirk Köln erlangte als letzte deutsche Region im Jahr 2017 offiziell den Status BHV1- frei. Seitdem gilt hier auch ein BHV1-Impfverbot für alle Rinder.
Offiziell BHV1-frei zu sein scheint ein solch lukratives  Qualitätssiegel, dass die Agrarindustrie und die großen Zuchtverbände nicht mehr auf ihre Handelsvorteile verzichten wollen – mit allen Mitteln.

Die Entwicklung ist an einem neuralgischem Punkt angekommen

Wie es aussieht, sind die Aachener Landwirte die ersten, die in ein Hauptverfahren gegen die Tötungsanordnung einer Veterinärbehörde gewagt haben. Gut ein halbes Jahr hat „man“ nun zugeschaut, wie diese Milchbauern sich aufbäumen, Tier, Hof, Existenz verteidigen, nach jedem Strohhalm greifen, um nicht alles zu verlieren.
Doch jetzt erwachen die wahren Profiteure des Exportstempels und wollen nicht weiter beim Zerfall ihrer Artikel-10-Illusion zuschauen,  halten das Landwirtschaftsministerium dazu an, dass möglichst Tatsachen geschaffen werden, noch bevor Gerichte sich über die Rechtmäßigkeit der Tötungsanordnung für die knapp 700 Aachener Rinder einig sind.

Damit endlich Ruhe ist.

Dass es in NRW und nicht nur dort aber längst schon wieder neue BHV1-Verdachtsfälle gibt, zeigt: die BHV1-Freiheit ist und bleibt eine Illusion, der man weiter hinterherläuft.

Viren kennen keinen Halt an Grenzen

Kurz ein Blick in unsere Nachbarländer: Im Königreich der Belgier und in den Niederlanden spielt die Bekämpfung des Virus in der Alltagsrealität eine eher untergeordnete Rolle.
Offiziell bekämpft man es, da die EU danach verlangt. Aber eben mit eigenen Methoden, die allerdings bestens zu funktionieren scheinen – oder haben Sie schon mal gehört, dass in diesen Ländern eine Rinderherpes-Pandemie Ihr Unwesen treibt, dort gar die Agrarwirtschaft zusammengebrochen ist?

Die Regeln in Belgien und den Niederlanden

Rinder dürfen in Belgien und den Niederlanden auch mit Antikörpern im Blut weiterleben. Sie dürfen gegen das Herpesvirus geimpft werden oder man überlässt die Begegnung mit dem Virus der Natur, denn für immunstarke  Tiere verläuft die Auseinandersetzung damit in der Regel unterschwellig. Zudem ist schon lange kein Tier mehr an Rinderherpes eingegangen, dazu gibt es mittlerweile wirksamste Medikamente.

Dass Viren keinen Halt an Grenzen kennen, ist für die Länder dabei so unerheblich, wie für deutsche Behörden, die zulassen, dass beispielsweise BHV1-virenverdächtige Gülle aus den Niederlanden in die Nähe wegen Herpes- Verdachts gesperrter Höfe ausgefahren werden darf. Oder dass BHV1- negative Tiere, deren Stall-Nachbarn positiv waren, nach einer dreiwöchigen Quarantäne ohne weiteres in BHV1-freie Regionen verbracht werden dürfen.

Logik und Gerechtigkeit? Die bleiben auf der Strecke!

Die Diagnose Rinderherpes ist tödlich. Aber nicht, weil die Krankheit selbst tödlich verläuft, sondern weil die deutschen Behörden derzeit alle Rinderbestände zum Tode verurteilen, bei denen (teilweise auch nur vereinzelt!) Antikörper nachgewiesen werden gegen ein Herpesvirus, dessen Besonderheit es in den letzten Jahren  ermöglichte, das Schicksal der Kleinen für Vorteile der Großen mit dem Gemeinwohl zu überschreiben.

Schon seit Jahrzehnten essen wir virusverdächtiges Fleisch!

Seltsamer Weise spielt es dabei eine eher untergeordnete Rolle, dass Milch und Fleisch virusverdächtiger Tiere seit Jahrzehnten über unsere Ladentheken gehen !

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