Bolivianische Referentin weicht der Gewaltandrohung

19. Dezember 2019 | Veröffentlicht von

Politischer Anschauungs-Unterricht in Aachen

Zur aktuellen politischen Situation in Bolivien sollte Frau Nardi Suxo Iturry in Aachen sprechen. Sie war Botschafterin (a.D.) des Pluri-Nationalen Staates Bolivien [1] in Österreich. Etwa 60 ZuhörerInnen waren ins Ev. Erwachsenenbildungswerk gekommen – aber die Botschafterin a.D. war nicht da!
Diese Entscheidung war ganz kurzfristig gefallen, weil Drohungen gegen Frau Suxo hier in Deutschland, schlimmer aber noch gegenüber ihrer Familienangehörigen in Bolivien angekündigt waren.

Bericht zu Bolivien

Der Veranstalter Rose-Luxemburg Club Aachen hatte als Ersatz zwei äußerst kompetent Vertreter organisiert, die die Situation in Bolivien konkret und dargestellt haben.
Herr Leo Gabriel (Historiker) und Herr Robert Lassemann (Journalist) berichteten über die Probleme in Bolivien, warum auch nach mehr als einem Jahrzehnt des Wandels und nach offenkundigen ökonomischen Erfolgen die „weißen“ Eliten nicht akzeptieren wollen, dass durch die Änderungen der letzten 15 Jahre die indigenen Mehrheit nicht nur ihre kulturelle Würde wieder erlangte, sondern ihr auch die politische Entscheidungsmacht in den staatlichen Institutionen in die Hände legte.

Sie beschrieben aber auch die Fehler von Evo Morales und der MAS, die die Bedingungen zum Putsch schufen. Und sie beschrieben, welche Rolle dabei die Bodenschätze und auch das Lithium spielte.

Ein Gefühl der Betroffenheit

Die Schwierigkeiten in Bolivien waren zweifach auch mitten in Aachen im Raum spürbar: einerseits die Abwesenheit der Ex-Botschafterin (aus Angst vor Repressionen) und dann ein fast hysterischer Redebeitrag einer bolivianischen Studentin [3], die – demonstrativ mit einer bolivianischen Flagge auf dem Arm – Kritik, Polemik und offenkundige Propaganda gegen die MAS vortrug.

— Hier der Bericht des Rosa-Luxemburg Club Aachen zur Veranstaltung —

Wie der unten dokumentierten Erklärung [2] zu entnehmen ist, musste die ursprünglich vorgesehene Rednerin, Ex Botschafterin Nardi Suxo Ittry aus Bolivien ihren Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion kurzfristig absagen, obwohl sie sich zum gegebenen Zeitpunkt in Aachen befand, da sie bereits seit Tagen durch diverse Mails von Seiten der durch den Putsch an die Macht gekommenen de- Facto Regierung bedroht wurde.
Anstelle dessen konnte die Rosa Luxemburg Club Aachen die Lateinamerika-Experten Dr. Leo Gabriel vom Institut für Interkulturelle Forschung und Zusammenarbeit in Wien und Dr. Robert Lessmann von der Universitär Köln für zwei Koreferate mit anschließender Publikumsdiskussion zum gleichen Thema Gewinnen.
Dr. Leo Gabriel betonte in seinen Ausführungen, dass Bolivien wegen seiner geopolitischen Lage und der ethnischen Zusammensetzung seiner Bevölkerung zur Drehscheibe der Auseinandersetzungen zwischen den bis vor kurzem regierenden Links Parteien (PT in Brasilien, Frente Amplio in Uruguay und Links-Peronisten in Argentinien) und den Rechtsradikalen verschiedener Prägung geworden ist. Er verwies auf die Hintergründe des Ende November stattgefundenen zivil/polizeilichen Putsches, der gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Welle von Repressionen nach sich zieht.
Dr. Robert Lessmann, spann diesen von Gabriel ins Treffen geführten Faden weiter, indem er mit großer Detailkenntnis die innenpolitischen Kräfte hinter dem Putsch analysierte, wobei er auch nicht mit Kritik an den politischen Fehlern der Morales-Regierung sparte. Insbesondere erwähnte Lessmann aber auch die schillernde Gestalt von Fernando Camacho, dem Unternehmervetreter aus Santa Cruz der ebenso wie Juan Guaidó in Venezuela in den letzten Tagen vor dem Putsch zum Versatzstück der US Strategie gegen den ehemaligen Präsidenten Evo Morales geworden war.
Bei der Publikumsdiskussion, die ein großes Interesse des Auditoriums widerspiegelte, kam es zu einem kurzen Zwischenfall, als eine Gruppe von ein paar jungen Menschen ein Politische Erklärung gegen die von Evo Morales angeführte MAS/Partei verlass. Als diese versuchten eine Fahne zu hissen, wurden sie des Platzes verwiesen.

In der Diskussion stand abschließend die Frage nach einer möglichen Lösung des Konfliktes im Raum. Sowohl Gabriel als auch Lessmann betonten dabei große Verantwortung, die der BRD zum gegenwärtigen Zeitpunkt zukommen wurde. Angesichts der dezidierten Unterstützung von Donald Trump und der US-amerikanischen Regierung für das illegitime Putschistenregime wäre es dringend notwendig, dass sich die Europäische Union unter Federführung Deutschlands und Spaniens für Maßnahmen entscheiden, die in der Lage wären, einen demokratischen Prozess in die Wege zu leiten, bevor ganz Bolivien in einen offenen Bürgerkrieg zerfällt.

Anmerkungen

[1] Das Wort „Pluri-Nationaler Staat“
soll ausdrücken, dass sich der „Staat Bolivien“ als eine Einheit versteht, der aus unterschiedlichen Ethnien, Sprachen und Völkern besteht.

[2] Bolivianische Ex Botschafterin sagt Veranstaltungen in Deutschland ab!

Die seit Wochen geplante Veranstaltung über die Hintergründe des kürzlich in Bolivien stattgefundenen zivil/militärischen Putsches, bei der die ehemalige bolivianische Botschafterin in Wien Nardi Suxo Iturry auftreten sollte, musste modifiziert werden. Seit Tagen ist in Bolivien selbst der öffentliche Druck von Seiten der gegenwärtigen Machthaber derart angewachsen, dass die ehemalige Botschafterin die geplante Rundreise aus Sicherheitsgründen kurzfristig absagen musste. „Das derzeit in Bolivien herrschende Klima der Gewalt scheint auf andere Länder überzugreifen.Aufgrund der Drohungen die sowohl ich hier in Deutschland als auch meine Familienangehörigen in Bolivien in den letzten Tagen erfahren habe, muss ich, so leid es mit tut meine Teilnahme an den geplanten Veranstaltungen absagen“, erklärte die ehemalige Botschafterin Boliviens.
Anstelle der Ex Botschafterin haben sich die beiden Lateinamerika-Experten Dr. Leo Gabriel aus Wien und Dr. Robert Lessman aus Wiesbaden freundlicherweise bereit erklärt, über die aktuelle Lage in Bolivien und die politischen Hintergründe zu berichten.
Die gegenwärtige Situation in und um Bolivien ist umso bedrohlicher, als der US-amerikanische Präsident Donald Trump in einem gestern veröffentlichten Tweet äußerte, dass er die Übergangsregierung der Putschisten unterstütze und „vor jeglichen Provokationen im In- und Ausland“ warne. Die mitveranstaltende Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW wendet sich gegen jeden Versuch, das Recht auf kritische Information und freie Meinungsäußerung hierzulande zu unterbinden.

[3] Ergänzung zum RLC-Bericht (von Paul Michels)

Irene Trepp, Biologiestudentin an der RWTH-Aachen meldete sich aus dem Kreis der Zuhörer. Sie hatte sich fein zurechtgemacht, geschminkt und erschien mir relativ jung. Wie es die Rechten zu tun pflegen, die erst mal ihre persönlichen Heldentaten erwähnen, so betonte auch sie, daß sie eine echte Bolivianerin sei. Über ihrem linken Unterarm hing gefaltet eine Flagge, wohl die bolivianische. Das erinnerte ein wenig an jene Abgeordneten im bolivianischen Parlament, die mit den bolivianischen Farben auf einer Schärpe über der Schulter auftreten. Neben sich hatte sie einen Begleiter mit Pudelmütze und modernem Handy, der ihren Auftritt filmte.
Frau Trepp bekam das Mikrophon wie jede andere Fragenstellerin auch. Ihre Frage an das Podium entpuppte sich sehr bald als ein eigenes Statement. Die Rednerin war in ihrem abgelesenen dreiseitigen Paper an einer Stelle angekommen, mit der sie der Regierung Morales Morde, Brandschatzungen und schlimmste Menschenrechtsverletzungen in Bolivien vorwarf. Darin wurde sie durch Zurufe aus dem Zuhörerraum unterbrochen.
Der Moderator kam vom Podium zu der Reihe, in der die beiden saßen und bat die beiden, die Aufnahmen mit dem Smartphone zu unterlassen, da es im Raum ein Aufnahmeverbot gäbe. Es zeigte sich später, daß er das völlig richtig beobachtet und angemahnt hat. Daraufhin brach Frau Trepp das Verlesen ihres Manuspriptes ab, gab das Mikrophon freiwillig zurück und verließ mit ihrem Begleiter den Raum.

Einige Zuhörer folgten den beiden in die Vorhalle. Dort sollen sie – so wurde berichtet – das Paar aufgefordert haben, die illegalen Mitschnitte zu löschen. Nach der Veranstaltung gab sie der Zeitung El Deber (Bolivien) ein Interview über ihren Auftritt. Darin behauptet sie wahrheitswidrig, sie sei aus der Versammlung gejagt worden.
Ihr Begleiter hat die Wortmeldung trotzdem verschickt. Und zwar ist sie zu der bürgerlichen bolivianischen Zeitung „El Deber“ hochgeladen worden und über den folgenden Stream ab der Zeitmarke 0:47 zu finden.

Die Kritik von Frau Trepp am Podium trifft nicht das Schwarze, da Herr Dr. Lessmann die Regierung Morales durchaus einer ausführlichen kritischen Würdigung unterzogen hat. Dies war auch bei der sehr realistischen Schilderung des Dr Leo Gabriel der Fall.
Es ist möglich, daß Frau Trepp als Angehörige der bolivianischen Oberschicht diesbezügliche Abschnitte in den Beiträgen überhört hat.
Frau Trepp hat sich somit die gute Gelegenheit, sich mit der bedrohten Botschafterin Ittry solidarisch zu erklären und die gegen sie versandten aggressiven Mails zu verurteilen, entgehen lassen.