75-ster Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland

9. Mai 2020 | Veröffentlicht von

Drei unterschiedliche Veranstaltungen zu EINEM Gedenktag

(Update) Am 8. Mai jährt sich zum 75-ten mal der Sieg über Nazi-Deutschland. Zu diesem wichtigen Datum der Friedens- und Antikriegsbewegung gab es in Aachen drei unterschiedliche Veranstaltungen und eine weitere mehr symbolische Aktion:1. Ein Teil des Bündnisses gegen DEFENDER2020 machte von 16-18 Uhr eine gemeinsame Veranstaltung am Elisenbrunnen
2. Zeitgleich versammelte sich am Markt ein Bündnis aus SDS/Solid (LINKE-Jugend) und Sol, um dort ebenfalls zu gedenken. Aktivist*innen von Diskursiv und vom autonomen Spektrum waren dort ebenfalls anwesend.
3. Der DGB und städtische Honoratioren hatten am Rathaus ebenfalls eine Gedenkfeier organisiert.
4. Und es gab eine mehr symbolische Aktion der IPPNW am Mahnmal von Fritz Oppenhoff

Der Berichterstatter war am Elisenbrunnen und kann daher nur von dort berichten. Dort wurde auch die Aktion am Mahnmal als Teil des gemeinsamen Gedenkens vorgestellt. Die parallele Veranstaltung am Markt wurde leider erst in den letzten Minuten vor Abschluss bekannt gegeben. Ein kleine Aktivistengruppe kam ebenfalls kurz vor Abschluss noch vom Markt zum Elisenbrunnen! Die DGB Veranstaltung wurde überhaupt nicht erwähnt und wurde dem Berichterstatter erst am Folgetag aus den Aachener Nachrichten bekannt!

ad 1. Am Elisenbrunnen

dauerte die Veranstaltung zwei Stunden und wurde von folgenden Organisationen getragen: AfP (Antifa for Peace), AKB, DFG/VK, DKP, IPPNW, LINKE, Pax Christi, SDAJ, VVN-BdA. Anwesend waren etwa 60 Personen.
Die Reden bezogen sich einerseits auf den Aspekt der Befreiung vom Faschismus, aber auch auf die wesentliche Rolle der damaligen UdSSR, die den mit Abstand größten Blutzoll dieses Krieges tragen musste. Insofern war in allen Reden einheitlich die Forderung nach Anerkennung dieser früheren Rolle! (Weitere Details zur Veranstaltung unter [1])
Aber ALLE forderten auch:

„Frieden mit Russland HEUTE!“

ad 2. am Marktplatz

Mangels eigener Beobachtung kann hier vorerst nur der Bericht der Veranstalter aus „Facebook“ wiedergeben werden (siehe [2]). Dort waren etwa 50 Personen anwesend. Erstaunlich ist, dass hier an zwei Orten in Aachen konträre Positionen zu Russland vertreten wurden:
b) Andrej Hunko (MdB LINKE) positionierte sich am Elisenbrunnen eindeutig für einen freundschaftliche Kooperation mit Russland,
a) während sich der SDS (die Studentenorganisation der LINKE) auf der Parallelveranstaltung am Marktplatz offensichtlich sehr  kritisch gegen Russland äußerte, was die kraz dem u.a. Bericht der Veranstalter entnommen hat.

ad 3. DGB und städtische Honoratioren

Hier sprach u.a. der Vorsitzende des DGB-Aachen, Ralf Wölk. Als Vorstandsmitglied im Aachener Friedenspreis ist er ein wichtiger Teil der Friedensbewegung. Insofern ist auch hier erstaunlich, dass solch eine Veranstaltung parallel und unabgesprochen mit den anderen 8.Mai-Veranstaltungen stattfindet!
Zu den Details verweisen wir auf den heutigen AN-Artikel.

ad 4. IPPNW am Oppenhoff-Mahnmal

Ursprünglich hatte IPPNW eine Aktion am Oppenhoff-Mahnmal geplant, bei der „reale Menschen“ „reale Rosen“ zum Gedenken ablegen sollten.
Diese extrem vorsichtige Form einer Veranstaltung wurde aber von den staatlichen Behörden untersagt (Sic!!). Darauf hat sich IPPNW auf eine rein symbolische Aktion beschränkt.
Wir veröffentlichen [3] deren Pressemitteilung.

Anmerkungen

[1] — Gemeinsame Erklärung der beteiligten Gruppen —

„2020 jährt sich der 8. Mai, der Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus, zum 75. Mal.

Die als unbesiegbar geltende deutsche Hitlerarmee, die einen von langer Hand geplanten Vernichtungs- und Raubkrieg gegen die Sowjetunion führte, wurde militärisch von der Roten Armee und den Westalliierten und durch den zivilen Widerstand der Völker Europas besiegt. Dass die Sowjetunion mit 27 Millionen Toten die Hauptlast beim Sieg über den Faschismus trug, lag auch daran, dass die Westalliierten sich erst spät, nämlich im Juni 1944 am Kampf gegen Deutschland beteiligten.

Aus Anlass des 75. Jahrestages erklären Aachener Gruppen der Friedensbewegung:
Der 8. Mai 1945 war die große Chance für einen Neuanfang für Europa. Peter Gingold, Befreier und Befreiter, deutscher Jude und Kämpfer in der französischen Resistance, sagte zum 8. Mai: „Für alle Ewigkeit muss im Gedächtnis der Menschheit verankert bleiben: Dieses Morgenrot der Menschheit, dieser Jubel, der ganz Europa, ja die ganze Welt erfasste. Aber auch, dass es ihn in Deutschland nicht gab.“
Die Nachkriegsentwicklung bestätigte die Besorgnis Peter Gingolds nur zu sehr, das Kapitel Faschismus war mit dem 8. Mai 1945 nicht abgeschlossen. Es ist nicht hinnehmbar, dass 75 Jahre danach extreme Rechte in allen deutschen Parlamenten sitzen und in immer rascherer Folge Mord auf Mord folgt.
Auch das Thema „Krieg“ steht leider immer noch auf der Tagesordnung. Weltweite Bundeswehrinterventionen trugen Krieg in andere Länder, nicht nur in Afghanistan ist sichtbar, dass mit Krieg das Leiden der Menschen nicht verringert werden kann. Deutsche Rüstungsexporte erreichen immer wieder Höchststände, selbst mörderische Regime wie Ägypten werden beliefert. Und Drohgebärden gegen Russland und erneutes atomares Aufrüsten sind eine elementare Bedrohung für den Frieden.
Wir mahnen zum 75. Jahrestag eine Umkehr an:

Wir brauchen, gerade in Coronazeiten, enge internationale Zusammenarbeit, insbesondere Frieden und diplomatische Friedensbemühungen mit Russland.
UN-Generalsekretär António Guterres hat angesichts der Coronakrise einen globalen Waffenstillstand gefordert und verlangt, alle Sanktionen und Zwangsmaßnahmen gegen Iran, Syrien, Russland, Kuba und Venezuela auszusetzen.
Statt 7,5 Milliarden Euro für neue deutsche Atombomber auszugeben, können mit dem Geld 100.000 Intensivbetten, 30.000 Beatmungsgeräte, 60.000 Pflegekräfte und 25. Ärztinnen und Ärzte bezahlt werden (Berechnung IPPNW).
Die Umstellung jeder Rüstungsproduktion muss sofort eingeleitet und umgestellt werden auf die Produktion lebenswichtiger Produkte, insbesondere für den medizinischen Sektor, Rüstungsexporte sind einzustellen.
Die in Deutschland stationierten Atomwaffen in Büchel, Eifel, sind sofort abzuziehen
Wir müssen AfD, NPD und ihre Verbündeten aufhalten, das Treiben gewalttätiger und mordender Neonazis unterbinden, ihre Netzwerke in Polizei und Bundeswehr aufdecken und auflösen.
Wir müssen eingreifen, wenn Jüdinnen und Juden, Muslime, Roma und Sinti und andere, die nicht in das Weltbild von Nazis passen, beleidigt und angegriffen werden.
Geflüchtete sind in Deutschland aufzunehmen und haben Anspruch auf medizinische Versorgung wie Bundesbürger; die menschenverachtenden Lager in Griechenland müssen aufgelöst und Abschiebungen sofort ausgesetzt werden.
Alle Auslandseinsätze sind sofort zu beenden.

Wir sind nicht verantwortlich für den Hitlerfaschismus. Wir sind verantwortlich für heute. Sorgen wir dafür, dass Faschismus an der Macht nie mehr eine Option wird.

Unterzeichnende Gruppen und Personen:
Antifa for Peace, Antikriegsbündnis, DFG/VK, DKP, Partei Die LINKE, Pax Christi, SDAJ, VVN-BdA sowie Andrej Hunko, MdB.

[2] Auszug aus Facebook: „8. Mai: Über 100 Menschen in Aachen aktiv gegen Faschismus und Krieg

„Heute demonstrierten in Aachen über 100 Menschen bei zwei zeitgleichen Kundgebungen gegen Faschismus und Krieg. Anlass war der 8. Mai: Heute jährt sich die Kapitulation der Wehrmacht und das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 75. Mal.

Vier Genossen der linksjugend [’solid] beteiligten sich mit gut 50 anderen Menschen an einer Kundgebung am Markt. Dazu hatten wir zusammen mit dem linken Studierendenverband SDS aufgerufen.

In Redebeiträgen wurde auf die Verbrechen des Faschismus, aber auch auf Rassismus und Nationalismus heute und die tödlichen Folgen davon aufmerksam gemacht. In einer Rede wurde außerdem speziell die RWTH im Faschismus beleuchtet, und wie einzelne Professoren mit NSdAP-Vergangenheit auch nach dem Faschismus dort weiter wirken und hetzen konnten.
Ein Genosse unserer Basisgruppe ging auf Militarismus und Aufrüstung ein. Er stellte heraus, dass es auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Frieden gibt, und dass Kriege im Kapitalismus unausweichlich sind. Um die Ursache zu beseitigen bekämpfen wir den Kapitalismus und streiten für eine sozialistische Demokratie.

Wir waren sichtbar mit einem Transparent vertreten, auf dem wir mit dem Slogan „KEINEN FUẞBREIT DEN FASCHISTEN – FIGHT FASCISM, SMASH CAPITALISM!“ auf die Verbindung von Faschismus und Kapitalismus hinwiesen. Denn der Faschismus dient als eine Art „Rettungssystem“ für den kriselnden Kapitalismus: Die Arbeiter*innenbewegung wurde ab 1933 systematisch physisch zerschlagen, eine drohende sozialistische Revolution konnte verhindert werden. Konzerne profitierten außerdem von Zwangsarbeit, Aufrüstung und Krieg.

Viele Passant*innen blieben stehen, hörten sich die Reden an und lasen die Transparente. Aufgrund der Corona-Pandemie und der nötigen Schutzmaßnahmen wie Mund-Nasen-Bedeckung und Abstand zwischen den Teilnehmer*innen kam es aber leider zu wenig Gesprächen, Flyer wurden nicht verteilt.

Wir finden es positiv, dass sich ausnahmslos alle der hauptsächlich jungen Teilnehmer*innen diszipliniert an diese Vorsichtsmaßnahmen gehalten haben. Auch wenn die meisten von uns im Falle einer Infektion keinen schweren Krankheitsverlauf zu befürchten haben, sollten wir doch mit dafür sorgen, die Pandemie bestmöglich einzudämmen. Im krassen Kontrast dazu steht das Verhalten eines Polizisten: Eine Mund-Nasen-Bedeckung trug er generell nicht. Einem Kind, dass die Polizei offenbar spannend fand, setzte er seine Uniformmütze auf den Kopf. So ein Verhalten ist verantwortungslos und steht im krassen Kontrast zu den intensiven Bemühungen und teils fragwürdigen Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie.

Nach dem diese Kundgebung nach etwa 90 Minuten beendet wurde gingen drei Genossen weiter zum Elisenbrunnen, wo die andere Kundgebung stattfand. Aufgerufen dazu hatten einige Gruppen, darunter das Antikriegsbündnis, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen und der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko.

Positiv ist uns aufgefallen, dass es deutliche Forderungen gegen Militarismus und Aufrüstung auf Plakaten zu lesen gab, die auch den Aggressor NATO benennen. Gleichzeitig wurde Russland in eine reine Opfer-Rolle gedrängt, was nicht der Realität entspricht: Auch Russland vertritt imperialistische Interessen. Inwieweit sich das in Redebeiträgen wiedergespiegelt hat können wir nicht sagen, da wir erst kurz vor dem Ende der Aktion ankamen. Positiv wiederum fanden wir die deutliche Präsenz der Forderung nach einem gesetzlichen Feiertag am 8. Mai.

Sehr viele Teilnehmer*innen trugen keine Mund-Nasen-Bedeckung und hielten wenig Abstand ein. Wir verstehen natürlich das Bedürfnis nach Nähe. Aber in Gesprächen kam heraus, dass einige Teilnehmer*innen eine Bedrohung durch das Corona-Virus abstreiten. Natürlich ist es richtig, die staatlichen Maßnahmen zu hinterfragen – und insbesondere die krasse Diskrepanz zu kritisieren, wie heftig wir in unseren Grundrechten beschnitten werden und uns im privaten Alltag einschränken sollen gegenüber dem, dass die Wirtschaft auch in nicht-“systemrelevanten“ Bereichen zu großen Teilen weiter läuft. Es ist aber fahrlässig, damit so weit zu gehen medizinisch gebotene Vorsichtsmaßnahmen abzulehnen. Wir stehen da an der Seite der Pfleger*innen und Ärzte, die ihr bestes geben Betroffenen medizinisch zu helfen; wir unterstützen Supermarkt-Angestellte in ihren Forderungen nach einer Aufwertung ihrer Berufe; wir sind solidarisch mit linken Gewerkschafter*innen, die eine 100-prozentige Lohnfortzahlung und eine Krisenbewältigung zulasten der Kapitalisten fordern; wir kämpfen mit Schüler*innen gegen vorschnelle Schul-Öffnungen und unterstützen Aufrufe nach Schulstreiks.Wir bekämpfen sowohl die profitgetriebenen Forderungen der Kapital-Verbände wie dem Bund der Industrie, den „Lockdown“ möglichst schnell zu beenden, als auch unwissenschaftliche Relativierungen des Corona-Virus. Solche Aktionen unterlaufen die deutlichen Bemühungen der Vielen, die mit großer Anstrengung versuchen, zu verhindern, dass hier ähnliche Zustände wie in den USA oder Italien entstehen könnten…..

[3] IPPNW Aktion:

„Aus Anlass des 75. Jahrestages der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus wollten wir Aachener Mitglieder der IPPNW zu einer Aktion aufrufen, die uns absolut ungefährlich und Hygiene konform erschien.
Möglichst viele Aachener Bürger*innen sollten einzeln und zeitversetzt am 8.5.zwischen 9.00 und 17.00 am Mahnmal für den ermordeten 1. Oberbürgermeister von Aachen, Franz Oppenhoff, eine Rose niederlegen. Mit dieser symbolischen Aktion wollten wir diesen Tag feiern und an die Schrecken von Krieg und Fachismus erinnern.

Dies wurde uns vom Ordnungsamt in dieser offenen Form aber nicht erlaubt.

Wir haben nun eine andere symbolische Form gewählt. Wir haben Bekannte, Freunde und Weggefährten gebeten, das Geld für je eine Rose zu spenden. Innerhalb von 2 Tagen haben 169 Aachener Bürger sich an der Aktion beteiligt und Rosen gespendet, die 2 von der Aachener Gruppe der IPPNW stellvertretend für Alle am Mahnmal am 8.5. niedergelegt haben.“